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IN ALLER STILLE

Der stille Ordnungshüter

Der Fall der Mauer überrumpelt ihn. Heinz Schäfer handelt jedoch so ruhig, als sei sie lange geplant – die Öffnung jener Grenze, deren Errichtung er 28 Jahre zuvor miterlebt hatte.

Von Tanja Kasischke

KÖNIGS WUSTERHAUSEN Heinz Schäfer hat es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht, im Fernsehen läuft die Aktuelle Kamera. Es ist der 9. November 1989, abends halb acht. Der SED-Funktionär Günter Schabowski verliest vor Pressevertretern eine Neuregelung der Grenzkontrollen, die den DDR-Bürgern faktisch uneingeschränkte Reisefreiheit zusichert. Ein Journalist fragt, ab wann die Regelung gelten solle. Schabowski blättert, findet keine Erklärung im Text, stammelt: „Das tritt nach meiner Kenntnis . . . ist das sofort.“ Heinz Schäfer in Königs Wusterhausen hat bereits die Uniformjacke angezogen.

Eine Stunde später ist er an seinem Arbeitsplatz, dem Grenzübergang Rudower Chaussee in Schönefeld. Vereinzelt stehen Menschen davor, neugierig, verunsichert. Wie Schäfer selbst. Er geht bis zu der weißen Linie auf dem Asphalt, die die Grenze zwischen Westberlin und der DDR markiert. Die Zollbeamten auf der Westseite blicken ihn ungläubig an. „Die waren genau so erschrocken, wie wir.“ Heinz Schäfer kehrt zu seinen Kollegen zurück und sagt ruhig: „Machen wir die Grenze auf.“

Eine Stunde später ist die schmale Passierstraße dicht. Tausende sind gekommen, aus Schönefeld, Schenkendorf, Eichwalde. Der Fußweg entpuppt sich als zu schmal, die Massen bahnen sich ihren Weg – der auch am Grenzstreifen vorbeiführt, wo noch die Selbstschussanlagen betriebsbereit stehen. Schäfer, seit 1983 Kommandant der Grenzsicherungseinheit, reagiert sofort, er lässt die Geräte abschalten, ordnet an, die Munition herauszunehmen, auch aus den Gewehren. Unbewaffnet machen sich die Grenzer daran, die Menschen geordnet gen Westen passieren zu lassen. Passkontrollen nehmen sie gar nicht erst auf.

„Ich war sicher, dass es einen Wandel geben würde“, erinnert sich der mittlerweile pensionierte Oberstleutnant, „dass sich von der Regierungsseite aus etwas ändert. An die Staatsgrenzen hätte ich nie gedacht. Plötzlich waren die Grenzen auf und wir wussten von nichts.“ Den Befehl, die Schranken zu öffnen, hat Heinz Schäfer in jener Nacht nie erhalten, auch in den folgenden Tagen nicht. Er ging auf eigenes Risiko und sagt, wieder mit dieser tiefen Ruhe in der Stimme: „Irgendwie hab ich, geahnt, dass es richtig war und mir keine Strafe drohen würde.“

Drei Tage und drei Nächte bleibt er auf seinem Posten am Grenzübergang Schönefeld. Alle acht Stunden ist Wachwechsel, dann gönnt sich Heinz Schäfer ein wenig Schlaf und eine warme Mahlzeit. Von draußen dringt das Stimmengewirr herein, 28 000 Menschen passieren in den ersten 24 Stunden nach dem Mauerfall die Grenze nach Rudow. Alle sind aufgewühlt, einige werfen den Grenzern wütende Bemerkungen an den Kopf, andere reagieren dankbar: „Da gab es solche, die sagten ’Danke, dass ihr so ruhig bleibt’“, erzählt Schäfer, „und solche, die riefen ’Endlich sind wir frei’.“ Er macht eine kurze, fast gekränkte Pause, resümiert dann: „Wir hätten uns ihnen nicht in den Weg gestellt. Wenn doch, hätten sie uns überrannt. Dann doch lieber für Ordnung sorgen.“

Die geht bei Kommandant Schäfer sogar so weit, dass er die Kollegen von der Westberliner Seite bittet, den Müll auf dem Grenzübergang einzusammeln. Unter die feiernden DDR-Bürger hatten sich zuvor auch Westberliner gemischt, die kistenweise Sekt verteilten. Die leeren Flaschen ließen sie zurück. Ruckzuck ist das Chaos beseitigt – die erste gemeinschaftliche Aktion von Ost-Grenzschutz und West-Zoll. „Es war nicht einfach, aber es war richtig“, bilanziert Schäfer die Tage nach dem Mauerfall.

Dasselbe sagt er auch, mit derselben Ehrlichkeit in der Stimme, vom 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus. Ihn erlebt der junge Offizier aus Sachsen, der seit zwei Jahren Dienst in Berlin tut, gleichfalls aus nächster Nähe. Er ist dabei in jener Nacht, da die Grenze geschlossen wird, und sichert sie anschließend am Grenzübergang Berlin-Friedrichstraße. Er lernt, mit Risiken umzugehen. Mehrmals wird Heinz Schäfer Zeuge brenzliger Konfrontationen zwischen den Sowjets und den Amerikanern. Im Herbst 1961 überfährt ein US-Panzer die weiß getünchte Grenzlinie. Schäfer bedeutet dem Soldaten, dass er zurücksetzen muss. Einen bangen Moment lang passiert nichts, das Rohr bleibt auf den Mann im grauen NVA-Mantel gerichtet. Heinz Schäfer rührt sich nicht vom Fleck. Dann geht ein Ruck durch den Panzer, er fährt zurück. Der Offizier hebt die Hand – zum Dank.

„Die Wende war ganz richtig“, wiederholt der heute 78-Jährige, ohne Unbehagen oder Groll in der Stimme, obgleich er ein Dreivierteljahr nach dem Mauerfall seinen Dienst quittieren muss, weil seine Einheit aufgelöst wird. „Die DDR hätte den Wandel nicht aus eigener Kraft geschafft.“

Von denen, die in der Nacht des 9. Novembers 1989 in den Westen gingen, „kamen die meisten nach ein paar Stunden wieder“, hat der Kommandant beobachtet, „sie mussten ja am nächsten Tag arbeiten“. Wenige Tage vor Weihnachten 1989 fährt Heinz Schäfer selbst nach Westberlin. In zivil. Er kauft Apfelsinen. Bei seiner Rückkehr kann er unbehelligt passieren, die Kollegen erkennen ihn nicht einmal.

Quelle: Märkische Allgemeine, Dahme Kurier 21.03.2009

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